Fear and Loathing im Affiliate Marketing

Daniel Frerichmann | 10. April 2012 - 20:51 | 11 Kommentare

Wer die Berichterstattung der letzten Wochen zum Thema Affiliate Marketing verfolgt hat, dem ist mit Sicherheit nicht entgangen, dass wir im unseriösesten, gefährlichsten, betrügerischsten, hinterlistigsten und von Grund auf schlechtesten Kanal des Online Marketings, ja, sogar der schlimmsten Branche überhaupt arbeiten.

© Didi01 / pixelio.de

Um uns herum tummeln sich zwielichtige Gestalten die ihre Cookies nur so in die Welt schleudern und jeden Mafia-Boss an krimineller Energie in den Schatten stellen. Neuste, total repräsentative Studien haben ergeben, dass nur jeder 1.000.000. Sale auf eine echte, AGB-konforme und vor allem seriöse Bewerbung durch einen Affiliate zurückzuführen ist. Alle anderen Leads und Sales sind Betrug, Fake, Schmu oder schlichtweg Einbildung des Merchant.

Wir wollen Affiliate Betrug an dieser Stelle gar nicht verharmlosen oder ins Lächerliche ziehen und haben uns selbst auch schon diesem Thema, wenn auch ein bisschen differenzierter und hintergründiger, gewidmet. Aber was derzeit teilweise veröffentlicht wird, ist an reißerischen Übertreibungen kaum noch zu überbieten.

Nehmen wir aktuell zum Beispiel den Beitrag „Affiliate-Betrug: Tricksereien im Schmuddel-Web“ von Frank Patalong, der es sogar bis auf die Startseite von Spiegel Online geschafft hat. Zwar enthält dieser Artikel im Ansatz wahre Aussagen und umschreibt auch tatsächliche Probleme, aber die Art der Berichterstattung ist einfach nur lächerlich und allerhöchstens auf Akte2012-Niveau.

Das Affiliate Marketing auch sauber und professionell durchgeführt werden kann, wird einfach mal ignoriert und lieber auf Post View rumgehackt, ohne es tatsächlich beim Namen zu nennen – was vermutlich daran liegt, dass sich Spiegel Online selbst diesem Modell bedient um die Seite zu monetarisieren. Dann wird noch mal das allseits beliebte Cookie-Dropping per iFrame herausgekramt, weil man seit 1994 wohl noch nicht genug darüber diskutiert hat.

Ein weiteres Beispiel für unseriösen Journalismus und Meinungsmache, ist der abenteuerliche Artikel „Affiliate in Deutschland: Schwächelnder Markt mit Betrugs-Problem“ von iBusiness, der ebenfalls sehr fragwürdig ist. Weder ist Affiliate Marketing am schwächeln – eher im Gegenteil -, noch fällt der Verlust durch Affiliate Marketing auch nur annähernd so hoch aus, wie angenommen. Hier wurde wohl vorschnell die PR-Studie eines Tool-Anbieters kopiert, ohne die Sales-Pitch-Phrasen zu entfernen.

Was ist dran am Affiliate Betrug?

Zwar gibt es mit Sicherheit Schwarze Schafe in der Branche und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch einen nicht zu verachtenden Prozentsatz an Betrugsfällen, aber diese übertriebene Darstellung von krassen Affiliate Betrugsfällen ist einfach nur peinlich.

Der Großteil der beschriebenen Techniken stammt aus den Anfängen des Affiliate Marketings und werden heutzutage kaum noch, beziehungsweise nur noch von „Betrugsanfängern“ betrieben. Fast alle Betrugsmethoden werden durch die Netzwerke unterbunden bzw. können mit bekannten Tools und internen Abgleichen aufgedeckt werden. Zudem sollte jeder halbwegs professionelle Affiliate Manager Taktiken wie Cookie Dropping, Ad Hijacking, Brand Bidding oder das Einspielen von Fake-Buchungen durch interne Recherchen und Tracking-Kontrollen erkennen und beseitigen können.

Was hilft gegen Affiliate Betrug?

Betrug wird es im Affiliate Marketing immer geben, so wie es in jeder Branche Betrugsversuche und Mogeleien gibt. Die einfachste Möglichkeit, sich gegen Betrug zu schützen ist, sich geeignetes und vor allem fähiges Personal ins Haus zu holen und Agenturen und Dienstleister fair zu vergüten.

Gute Affiliate Manager sind über gängige Betrugsmethoden informiert und können durch Sicherheitsmechanismen die Auszahlung von unrechtmäßigen Sales unterbinden. Des weiteren sind Kontrolltools und zusätzliche Tracking-Dienstleister nicht uninteressant, wenn man Betrug an anderen Stationen der Wertschöpfungskette vermutet. Hier kann auch ein rechtliches Vertragswerk die Dienstleister soweit einschränken, dass man als Merchant auf der sicheren Seite ist.

Affiliate Betrug wird niemals auszuschließen sein, aber durch gute Vorkehrungen lässt sich dieser nahezu eindämmen und der Schaden gering halten. Utopische Zahlen wie 82 Millionen Euro Schaden sind nur dann realistisch, wenn man sein eigenes Tool verkaufen möchte 😉

Was bleibt zu tun?

Als rechtschaffener Affiliate Manager wird die große Herausforderung zukünftig sein, interne Aufklärungsarbeit zu leisten und Mitarbeiter und Vorgesetzte für das Thema Affiliate Betrug zu sensibilisieren, damit es nicht dauerhaft als unseriöser Vertriebskanal angesehen wird. Nicht jede Sau, die gerade mal wieder durch’s Dorf getrieben wird, muss auch für die eigenen Affiliate Aktivitäten relevant sein.

So wird es wichtig sein, die Branche in einem guten Licht dastehen zu lassen und die Aktivitäten der Schwarzen Schafe weiter einzudämmen. Zudem wird es unabdingbar sein, dass Affiliate Marketing sich weiter professionalisiert und auch etwas für den Nachwuchs und der allgemeinen Aufklärung getan wird. Die Kommentare auf Spiegel Online zeigen, dass Affiliate Marketing von den meisten einfach nicht verstanden wird und unbekannte Publisher-Modelle gleich als Betrug abgestempelt werden. Hier gibt es noch viel zu tun!

Zudem ist es sicher nicht sinnvoll, wenn man selbsternannten Affiliate Königen eine Plattform bietet, dass sie auf Messen und Events für ihre MLM-Spam-Taktiken werben können.

Autoreninfo
Ich verfüge über langjährige Erfahrungen im Online Marketing mit Spezialisierung auf das Affiliate Marketing. Als Key Account Manager in einer Hamburger Online Marketing Agentur, als Affiliate Manager innerhalb der OTTO Gruppe, sowie als Spezialist für Affiliate Marketing bei der Deutschen Bahn konnte ich mein Wissen aufbauen und vertiefen, sodass ich heute fast jede Facette des Online Marketings kenne.
Daniel Frerichmann

11 Kommentare zu “Fear and Loathing im Affiliate Marketing”

  1. thomas sagt:

    danke dafür. wir haben ja schon viel drüber diskutiert und unter den artikel kannst du sowohl meinen namen als auch den von herrn p. (und bestimmt einigen anderen) drunter setzen. ich mein viel scheiss gibt’s immer, aber die letzen wochen:

    – ralf schmitz spricht tatsächlich auf der tactixx
    – ibusiness und xamine diffamieren sich eindrucksvoll selbst
    – und jetzt noch der spiegel artikel auf schülerzeitungsniveau

    bin mal gespannt was noch kommt. vielleicht hat jemand aus der politik ja noch was zum affiliate beizutragen 😉

  2. Joachim Graf sagt:

    Schade, dass bei der Diskussion um den Affiliate-Fraud von Seiten mancher in der Affiliate-Branche so argumentiert wird, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Wer unsere Zahlen nachliest (wir haben uns bemüht, sie so transparent wie möglich zu dokumentieren, wie sie ermittelt wurde) kann zwei Kernprobleme erkennen:

    1. Der Affiliate-Markt wächst deutlich langsamer als der ECommerce-Markt. Das heisst, viel Geschäft geht an der Branche vorbei

    2. Affiliate-Fraud wächst unverändert, da haben die Selbstverpflichtungen der Branche nichts gebracht. Nötig sind offensichtlich stärkere Kontrollen

    Wir werden in dieser Woche an die Affiliate-Netzwerke exemplarisch Daten von in den jeweiligen Netzwerken erkannten Fraud-Fälle übergeben und um Stellungnahme bitten. Dann wird sich hoffentlich herausstellen, ob Affiliate-Betrug tatsächlich nur hochgejuchzte Einzelfälle sind oder ob die Branche da einen blinden Fleck hat – und vor allem: wie wir gemeinsam da etwas dagegen tun können.

    Denn klar ist: Die wenigen Betrüger machen das Image kaputt der überwiegenden Mehrheit der ehrlich und seriös Arbeitenden in der Affiliate-Branche.

    • thomas sagt:

      Nur ganz kurz:

      – Eine Differenzierung zwischen Betrugsversuchen (die aber durch entsprechende Absicherung unterbunden wurden) und tasächlich entstandenem Schaden ist nicht außer acht zu lassen. Das wurde auch schon auf dem Tactixx Panel von Manuel angesprochen. Und das kann ein Toolanbieter wie Xamine schlichtweg nicht valide auswerten, weil er die Daten nicht hat. Aber ein klarer Hinweise, um die Zahlen einzuordnen darf hier nicht ausbleiben.

      – „Denn klar ist: Die wenigen Betrüger machen das Image kaputt der überwiegenden Mehrheit der ehrlich und seriös Arbeitenden in der Affiliate-Branche.“ – Genauso wie unsauber recherchierte und reißerische Artikel. Mir (und Daniel hat es in seinem Beitrag auch erwähnt) liegt es fern, dass Thema zu verharmlosen. Allerdings muss man damit vernünftig und sachlich umgehen. Dies ist im Fall der iBusiness Studie nicht geschehen

      – „Der Affiliate-Markt wächst deutlich langsamer als der ECommerce-Markt. Das heisst, viel Geschäft geht an der Branche vorbei“ Das stützt sich auf OVK Zahlen, oder? Mehr ist eigentlich nicht dazu zu sagen.

    • Denn klar ist: Die wenigen Betrüger machen das Image kaputt der überwiegenden Mehrheit der ehrlich und seriös Arbeitenden in der Affiliate-Branche.

      Genau das ist doch der Punkt, nur leider wird das in den Artikeln leider immer so dargestellt, als seien 95% der Umsätze im Affiliate Marketing durch Betrügereien zustande gekommen. Das es Betrug gibt leugnet doch niemand und von Einzelfällen spricht hier auch niemand.

      Nur das Wiederkäuen der gleichen (Oldschool-)Themen wie bspw. Cookie Dropping ist doch auch keine Lösung und mit Sicherheit ist Betrug auch kein Affiliate Problem. Vielleicht sollte man als „Journalist“ auch mal nach einer Lösung suchen und nicht immer nur auf bekannte Probleme hinweisen.

      Ich bin gespannt, was als Feedback von den Netzwerken kommt…

  3. Kleine Anmerkung noch: wenn man der Branche etwas Gutes tun möchte, macht man solche Studien für alle zugänglich und nicht nur für zahlende Premium-Mitglieder 😉

  4. Meik sagt:

    Ich finde den Artikel klasse geschrieben und möchte dabei vor allem zwei Punkte unterstreichen:

    1. Geeignetes und vor allem fähiges Personal!
    Hier mangelt es meiner Meinung nach bei Vielen Firmen am stärksten! Nur weil jemand bei einem Affiliatenetzwerk Kampagnen anlegen und pflegen kann ist er in meinen Augen noch lange kein fähiger Affiliate-Marketing-Manager!

    2. Ralf Schmitz spricht tatsächlich auf der Tactixx:
    Da war auch mein erster Gedanke OMG! Ich verstehe auch nicht was das sollte und auch hier musste ich feststellen das viele der Tactixx Teilnehmer Ihn und die zweifelhafte Thematik nicht mal kannten. Da frage ich mich auch wo diese „Marketingfachleute“ denn so leben und wie viel sie von der Aussenwelt wahrnehmen!

    Affiliate-Marketing wird so negativ dargestellt, dabei ist es nicht das Affiliate-Marketing, sondern die kriminelle Energie einiger Leute die sich negativ auswirkt! Aber es ist eben auch viel einfacher mal eben einen ganzes Segment aufs Korn zu nehmen!

  5. Jan sagt:

    Noch kurz zum Personal:
    Man braucht nicht nur gutes Personal für das Affiliate Marketing, sondern auch gute Vorgesetzte, die in der Lage sind, Ziele so zu formulieren, dass für den Affiliate Manager kein Vorteil darin besteht, Fraud zuzulassen.
    Alternativ braucht man nicht nur gutes, sondern ethisch integeres und höchst selbstloses Personal.

  6. affiligate sagt:

    @Joachim Graf: zum 2. Punkt. Wächst Fraud oder wächst die Aufdeckungsrate? Das ist meiner Ansicht nach ein großer Unterschied. Nur weil bisher vielleicht einiges nicht entdeckt wurde heisst es ja nicht das es nicht da war.

    Im gleichen Zusammenhang behaupte ich folgendes: Der Affiliate Markt wächst schnell, die Zahlen werden aber durch die Eliminierung der immer mehr aufgedeckten FRAUD Vorfälle gedrückt. Und nein es gibt nicht mehr Fraud – es wird einfach nur mehr entdeckt!

    Zu Ralf Schmitz auf der TactixX: Ich dachte auch erst OMG was will der dort! ABER: Jetzt bin ich schlauer und finde es gut das er sich hingestellt hat und erklärt wie man mit Spam und Brandbidding eben die erwähnten 2xx.xxx € macht. Mir hat es in soweit geholfen, dass er es eben nicht mit legalen Mitteln nach deutschen Gesetzen hingebracht hat sondern eben von Spanien und USA aus.

    Aber ehrlich gesagt ist er hier in dieser Thematik meiner Meinung nach fehl am Platz. Soll er seine Leadsachen per Spam verbreiten wie er meint – das Problem hier ist was anderes.

    Wie erwähnt mangelt es vielerorts an qualifiziertem Personal. Die Merchants oder Agenturen müssen hier aktiver werden. ABER wen ich hier am meisten in die Verpflichtung nehmen würde sind die Netzwerke! Die haben den Überblick, die meisten auswertbaren Daten eines Publishers. Aber die warten nur auf den Affiliate Manager der einen bestimmten Publisher anschwärzt bevor sie handeln! Aber das so jemand dann aus dem Programm storniert wird aber nicht aus dem Netzwerk – diesen Vorwurf müssen sich die alle(!) Netzwerke gefallen lassen.

    Bei den Netzwerken gibt der „Betrüger“ die meisten Daten preis. Hier müssen bessere Kontrollen stattfinden. Und zwar nicht nur bei der Registrierung, sondern dauerhaft!

    Die bescheidenen Artikel in den letzten Wochen zeigen mir nur eins „Lausige Autoren wollen ein paar Hits auf ihre Seite bekommen“ – Bildzeitungs-Niveau! Je größer das „Blatt“ desto lächerlicher und lückenhafter der Artikel.

    Gruß
    Herbert

    • Vielen Dank für den guten Kommentar, dem eigentlich nichts hinzuzufügen ist.

      Der Punkt mit den Netzwerken ist im Artikel ein bisschen untergegangen, aber auch hier sehe ich einen – wie bereits im Kommentar von Jan angesprochenen – Interessenkonflikt: Das Netzwerk verdient an den Betrügern und die Agentur ebenso. Zudem stehen Affiliate Manager respektive Agentur gut da, wenn die Ergebnisse stimmen, auch wenn sie wissentlich durch Betrug gefördert wurden. Daher der Einwand, dass eine faire Vergütung / Entlohnung dazu beitragen kann, dass Betrug häufiger aufgedeckt und nicht mehr toleriert wird. Im Idealfall regelt sowas aber auch der gesunde Menschenverstand bzw. das Gewissen.

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